Mit dem Hund zum Jahrmarkt - eine gute Idee?

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Die Sommerferien sind vorbei und schon bald kommt wieder die Zeit der Märkte. Heutzutage ist es für viele Hundehalter zur Selbstverständlichkeit geworden, ihre Hunde zu diesem (menschlichen) Vergnügen mitzunehmen. Nicht selten wird dies damit begründet, dass der Hund gut sozialisiert werden soll.

Doch ist das wirklich eine gute Idee ??

 

ES GIBT HUNDE, DIE DAS SOUVERÄN MEISTERN

Diese Hunde bewegen sich ruhig und brav an Frauchen oder Herrchens Seite durch die Menschenmenge und bleiben geduldig stehen, wenn ihr Mensch etwas länger betrachten will oder mit anderen Menschen einen Schwatz abhalten will. Der Blick auf diese Hunde entspricht einem Wunschbild von uns Menschen und dieses Wunschbild verleitet uns dazu, zu urteilen, dass nur diese ruhigen, geduldigen Hunde sich normal verhalten würden.

Dabei denken wir nicht im entferntesten daran, dass es Hunde gibt, welche rein äusserlich völlig ruhig wirken, dabei in solchen Situationen dennoch sehr grosse Mengen an Stresshormonen ausschütten. Unsere Labradore sind ein gutes Beispiel dafür. Kein Wunder, sie wurden ja ursprünglich darauf gezüchtet, sich auf der aufregenden Jagd völlig ruhig zu verhalten, bis sie vom Jäger losgeschickt werden, um die geschossene Beute aufzustöbern und zu apportieren. Bei dieser Arbeit kann sich dann alle angestaute Energie entladen. 

Wir denken dabei auch nicht an jene Hunde, die in der Vergangenheit bei jedem Kommunikationsversuch und unerwünschtem Verhalten hart korrigiert wurden und daher in eine erlernte Hilflosigkeit verfallen sind, sich nicht mehr getrauen, einen Mucks zu machen. Diese Hunde haben aufgehört mit dem Menschen in solchen Situationen zu kommunizieren, weil es ihnen noch nie etwas gebracht hat. Diese Hunde haben resigniert. Praktisch und gut handelbar für den Menschen, doch für den Hund ist das bestimmt oft die Hölle.

Wir denken dabei auch nicht an jene Hunde, die bei starkem Stress einfrieren. Diese Hunde befinden sich in einem Konflikt, ihr Gehirn kann sich nicht entscheiden, wie sie sich verhalten sollen. So sind sie regelrecht handlungsunfähig, solange der Konflikt anhält. Diese Hunde können gefährlich werden. Denn das Verhalten kann von einer Sekunde auf die andere kippen. Der Hund kann brav bleiben, oder aber der Konflikt entlädt sich in Aggression. Was dann oft blitzschnell und für den Menschen völlig unvorhersehbar geschieht.

 

Dies alles sind Gründe, warum sich Hunde auf Märkten angepasst verhalten können. Natürlich: es gibt auch die Hunde, die sich ruhig verhalten, weil sie wirklich tadellos sozialisiert wurden und von ihren Menschen emphatisch gehandelt werden, so dass ihnen nur zugemutet wird, was sie verkraften. Das ist der Idealfall. 

 

 

Doch bei jedem Stadtbummel, auf jedem Jahrmarkt und auf jedem Weihnachtsmarkt trifft man auf eine Mehrheit der Hunde, die sich völlig gegenteilig verhalten. Hechelnd hängen sie in der Leine, versuchen jedem vorübergehenden Kleinkind das Glace oder die Wurst aus der Hand zu klauen, springen möglicherweise sogar den netten Bekannten an, mit dem Frauchen/Herrchen gerade reden will, fiepen oder bellen unaufhörlich, wenn ihr Mensch sich die Ware an einem Stand genauer ansehen will und lassen keine Gelegenheit aus, Artgenossen anzupöbeln. Manchmal kommt es sogar zu Raufereien unter Hunden mitten in der Menschenmenge.

Wie peinlich!

"Der muss das jetzt endlich lernen!"

Die logische Konsequenz auf all diese peinlichen Vorfälle müsste eigentlich sein, den Hund das nächste Mal zu hause zu lassen, sich all das Theater zu ersparen und ohne Hund einen entspannten Nachmittag auf dem Markt zu verbringen.

Doch die allermeisten der betroffenen Hundehalter nehmen ihren Hund immer und immer wieder mit zu solchen Anlässen , mit der Begründung: " der muss das jetzt endlich lernen!!!"

Doch bei diesen Hunden ist vorhersehbar, er lernt es nicht. Nicht beim zweiten Mal, nicht beim dritten Mal, die meisten sogar das ganze Leben lang nicht.

Warum ist das so?


Der Jahrmarkt aus Sicht des Hundes

Versuchen wir uns doch einmal in einen Hund hinein zu versetzen. Wie sieht so ein Marktbesuch aus Sicht des Hundes aus? Beginnen wir zunächst einmal mit den auch für uns Menschen offensichtlichen Begebenheiten:

Einen Jahrmarkt zu besuchen, bedeutet sich ins Getümmel zu stürzen. Sich mit der Menschenmenge in die eine oder andere Richtung treiben zu lassen. Wir Erwachsenen haben es dabei gut: unser Sichtfeld befindet sich in der Regel im oberen Bereich, wir können trotz all den vielen Menschen noch einschätzen, was im Umkreis von mehreren Metern um uns herum geschieht.

Und unser Hund?

Der ist dazu verurteilt, sich in einem Gewimmel von Beinen zurecht zu finden, und muss bemüht sein, dass er nicht den Kontakt zu Frauchen oder Herrchens Beinen verliert. Ansonsten wird er nicht selten durch Rucken an der Leine bei der Stange gehalten. Je nach Grösse oder Rasse hat er vielleicht den Vorteil, dass die Menschen einen respektvollen Bogen um ihn herum machen, dann wird die Sache ein klitzeklein wenig entspannter. Ein kleiner bis sehr kleiner Hund hingegen muss sich auch noch damit abfinden, dass die Schuhe der Menschen bedrohlich nah an seinem Kopf vorbeistapfen und manchmal wird er vielleicht sogar unabsichtlich getreten.

die Gerüche!

 

Der durchschnittliche Hund hat ca.200 Millionen Sinneszellen in seiner Nasenschleimhaut, der Mensch hingegen nur 5 Millionen.Wenn wir das bedenken wird uns klar, welche Herausforderung Jahrmarkt mit seinen vielen verschiedenen Gerüchen für den Hund sein muss.

Wir  Menschen erinnern uns meist an den Duft von gebrannten Mandeln, Magenbrot, Bratwurst und Raclette, wenn wir an Jahrmarkt denken.

Doch der Hund muss mit einer unvorstellbaren Menge von Gerüchen klar kommen: die Schuhe, Lederwaren und Textilien, alle zum Verkauf angepriesen Gegenstände, das Wirrwarr der Gerüche von Gewürzen und Esswaren, all die verschiedenen Parfüms, Bodylotionen, Eigengerüche der Menschen und anderer Hunde- jener die grad aktuell anwesend sind, aber auch jener, die vor Stunden schon durch den Markt gelaufen sind.  Ein Hund könnte diese Aufzählung ganz bestimmt unvorstellbar weit verlängern.

 

Die Geräuschkulisse

kreischende, quengelnde Kinder, die Volksmusik vom CD-Stand und unweit daneben die Musik der Hip- Hop- Tanzgruppe. Das Geheule, Gesause und die Musik der Bahnen, das Stimmengewirr der Menschen, das sind alles Geräusche, die auch uns Menschen nicht entgehen.

Der Hund ist auch im Gehörsinn uns Menschen weit überlegen. Er kann vor allem im hohen Frequenzbereich noch Geräusche wahrnehmen, die wir Menschen uns gar nicht vorstellen können. Also werden auch die akustischen Eindrücke, die auf den Hund einprasseln eine Dimension erreichen, die für uns Menschen unvorstellbar ist.

 

 

 

Das war's jetzt aber -oder? NEIN!

Hunde haben an ihren Pfoten äusserst empfindliche Rezeptoren, welche Vibrationen wahrnehmen. Diese Rezeptoren reagieren zb. auf einen Zug, ein Tramm oder einen LKW , bereits wenn dieser/es noch 10 km entfernt ist.

Wenn wir jetzt mit diesem Wissen den Blick auf all die Bahnen, Schiffschaukeln und Hau den Lukas- Stände richten, so können wir verstehen, welche Herausforderung Jahrmarkt auch in dieser Hinsicht für den Hund ist.

Darum lernt der das so eben nie!

Wir können uns nun (nur annähernd) vorstellen, dass ein Marktbesuch für unseren Hund eine Flut von Reizen mit sich bring -

für die meisten Hunde sogar eine

REIZÜBERFLUTUNG!!

Reizüberflutung bedeutet Stress 

Stress hemmt die Fähigkeit zu lernen. Grosser Stress verhindert Lernen sogar ganz.

 

Das arme, von Reizen gepeinigte Hundegehirn hat schlichtweg keine Kapazität mehr frei, um noch zu überlegen, was denn Mensch in dieser Situation vom Hund erwartet. Es darf darum nicht verwundern, dass der Hund nicht mehr oder nur noch schlecht und verzögert auf Ansagen seines Menschen reagiert. Der Hund ist dann nicht stur, er ist schlichtweg überfordert!


Aber er muss doch Sozialisiert werden

Ja! Sozialisiere Deinen Hund bei jeder denkbaren Möglichkeit. Aber tue dies, als ob Du ein starkes Medikament verabreichen müsstest -

in verträglichen Dosen!

Setze Dich dabei nicht unnötig unter Druck. Ein Hund kann ein Leben lang sozialisiert werden, wenn dabei umsichtig vorgegangen wird. 

Besuche zunächst nur Dorfzentren im Alltag. Steigere die Anforderungen langsam und achte darauf, Deinen Hund nicht zu überfordern.Dein Hund sollte vor diesen Besuchen zumindest in körperlichen Belangen alle Bedürfnisse gestillt haben. Das heisst, er hat weder Hunger, noch Durst, die Aussentemperatur ist angenehm und er ist bereits versäubert.  . 

Achte auf die Körpersprache Deines Hundes und reagiere auf Stress-Signale mit einem geordneten, ruhigen Rückzug aus der Situation.

Verweile dann in respektvollem Abstand zum Geschehen, soweit weg, dass der Hund fähig ist, sich zu beruhigen. Sobald er ruhig geworden ist, bringe ihn nach Hause.

 

Gönne ihm nach einem mental so anstrengenden Ausflug 2 bis 3 Tage absolute Ruhe. Ohne Besuch, wildem Spiel mit anderen Hunden, Hundesport oder Hundeschule, auch ohne Ausflüge. Kurze Gassigänge ohne oder nur mit möglichst ruhigen Hundebegegnungen reichen in diesen Tagen völlig aus. Dein Hund hat genug damit zu tun, Eindrücke zu verarbeiten und Stresshormone abzubauen.

Fragst Du Dich jetzt gerade, welches denn die Anzeichen für Stress sind?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier findest Du einen Artikel über Stress und Stressanzeichen.

 

 

Du siehst, Marktbesuche -überhaupt Orte, wo sich viele Menschen treffen- sind eine sehr grosse Herausforderung für einen Hund. Und bevor Du Dich überhaupt mit dem Gedanken trägst, Deine Fellnase an einen Markt mitzunehmen, solltet Ihr schon so einiges im ganz normalen Alltag aus dem FF beherrschen. Welche wirklich minimalen Anforderungen Ihr Beide als Team erfüllen solltet, damit ein Markbesuch  Deinem Hund keinen Schaden zufügt, kannst Du in meiner Checkliste nachlesen.

Sie steht Dir hier gratis zum Download zur Verfügung:

Ich wünsche Dir einen entspannten Marktbesuch. Mich persönlich wirst Du auf Märkten ohne Hund antreffen.